White Africa, eine Video-Animation

Der historische Kontext, den das Video einbezieht, reicht von der Berliner Kongo-Konferenz 1884/85 bis in die heutige Medienrealität. Vor noch nicht allzu langer Zeit, war Afrika für die meisten Europäer der sprichwörtliche weiße Fleck auf der Landkarte. Innerhalb von gut hundert Jahren wurde dieses Unbekannte, Fremde, nicht Verortbare mit einem europäischen Staatssystem überzogen und hat diverse Transformationen durchgemacht.

Die Postkolonialismus-Debatte setzte sich mit der Problematik unterschiedlicher Perspektiven von Kolonisatoren, Kolonisierten und der nachkolonialen Situation auseinander. Auf diese Debatte möchte ich hier kurz hinweisen, da sie einige mögliche thematische Verbindungen zu White Africa beinhaltet, insbesondere, was die Staatenorientierung und den Neokolonialismus-Bezug betrifft.

Zum Beispiel Homi Bhabha:

„Wenn wir den Effekt kolonialer Macht in der Produktion von Hybridisierung sehen und nicht in der lauten Herrschaft kolonialer Autorität oder der stummen Verdrängung indigener Traditionen, findet ein wichtiger Perspektivwechsel statt. Er offenbart die Ambivalenz am Ursprung traditioneller Diskurse über Autorität und ermöglicht eine Form der Subversion, die in dieser Unsicherheit gründet und die diskursiven Zustände der Herrschaft in den Nährboden der Intervention verwandelt.“ (Sabine Grimm, Postkoloniale Kritik, in Die Beute, Sommer 1997, Seite 52f)

Die Hybridisierung, das gegenseitige aufeinander Einfluss nehmen ist kein einseitiger Vorgang. Je präsenter die afrikanischen Kulturen in Europa sind, desto mehr wächst das Interesse an diesen Kulturen und neuen Mischformen. Es besteht die Möglichkeit sich hier damit auseinanderzusetzen.

Mich reizte es mit einem an Expressionismus oder Primitivismus orientierten Zeichen- und Schreibstil, von europäischer Seite, sozusagen ererbte, afrikanische Stilmittel auf Afrika, als Thema selbst anzuwenden, vielleicht aus dem Wunsch einer indirekten Annäherung heraus, als wäre Afrika gar nicht so weit weg und so anders und unbekannt.

Zeichen, Repräsentationen füllen die 25 Minuten, Staatennamen bilden das Gerüst für die Orientierung. Ein Kontinent entsteht und löst sich gleichzeitig auf. Er zerfällt in Teilaspekte und Einheiten, die sich entlang formeller und inhaltlicher Ähnlichkeiten entwickeln. Das Zeichenhafte, Fragmentarische und Repetitive macht uns in der Ambivalenz von Erkennbarem, Abstrahiertem und formellen Ebenenwechseln unsicher, ob wir eine collagierte Reportage, einen Lehr- oder Kunstfilm sehen.

Der Film benutzt einfache, aber zeitintensive Mittel: Gemaltes, Gezeichnetes, Fotos und Töne, die durch Bearbeitung und Montage angeeignet werden, zu einer eigenen Sprache werden, einer Sprache des Zitats. Diese Sprache, die in ihren verschiedenen Elementen keine eigene Sprache ist, muss mischen und fragmentieren. Die Schrift, die abstrakte oder kürzelhafte Zeichnung, das Erzählen in Andeutungen, mit den simpelsten Mitteln, setzt sich in Konkurrenz zu den Fotos, die unser Bild vom Kontinent beherrschen. Es geht in diesem Video nicht nur um Afrika, es geht vor allem auch um die Bedeutung, die Afrika in Europa hat, als Begriff, als Assoziation, als Welt, als Nachricht.

Das Video informiert, aber es erklärt nicht immer, was es zeigt. Es will etwas über Afrika sagen, aus einer spezifischen Perspektive, mit spezifischen Mitteln und trifft auf ein Publikum, das vollkommen unterschiedliches Hintergrundwissen mitbringt. Inhaltlich erfahren beispielsweise gebildete Afrikaner nichts, was sie nicht schon wüssten, aber formal-ästhetisch wird Ihnen eine Auseinandersetzung mit möglichen Inszenierungen Afrikas angeboten, ob ihnen diese Inszenierungen gefallen oder nicht.

Man könnte in einem weiteren Projekt nach dem Europabild von Afrikanern oder nach afrikanischer Medienrealität fragen. Dieses denkbare Projekt würde dann aber sicherlich mit anderen Mitteln arbeiten. Es wären eben andere Perspektiven, die den Europäern wahrscheinlich nicht nur gefallen dürften.

In White Africa wird versucht, entschiedene Aussagen zu setzen, um sie dann mit Gegenaussagen zu konfrontieren oder zu relativieren. Dieser Prozess wird nicht immer an einem bestimmten Thema durchgeführt, sondern er erstreckt sich über die ganze Länge des Films, viele unterschiedliche Positionen markieren den Weg. Das koloniale Klischee wird gesetzt und an anderer Stelle konfrontiert mit europakritischen Positionen von Afrikanern. Ein Diskussionsspektrum bildet sich ab. Das Video macht es niemand ganz recht. Progressive Positionen müssen sich die Nachbarschaft von längst überholt geglaubten Klischees gefallen lassen. Die „Dekolonialisierung der Europäer“, nach Sartres Vorwort zu Fanons „Die Verdammten dieser Erde“, ist ein langwieriger Prozeß. White Africa ist kein von Anfang an exakt geplantes Video, sondern das Ergebnis der Montage verschiedener Versuchsanordnungen und in diesem Sinne auch fortführbar.

Staatennamen und Inhalte, Computerschrift, Tuscheschrift und Zeichnung

Es gibt in dem Video, als erste organisatorische Ebene, computergeschriebene Namen der Staaten, die in dieser anonymen Form an deren Mitgliedschaft bei den Vereinten Nationen erinnern könnten, aufgeteilt in englische, französische, portugiesische und arabische Schreibzonen. Diese, zentral auf DinA4 Papiere aufgeklebten, schriftlichen Identitäten wurden durch Tusch- und Pinselkommentare zu den Ländern, den Präsidenten, der Geschichte in einer subjektiven, abgekürzten Art stichpunktartig ergänzt oder vielmehr erstmals mit Inhalten angereichert.

Die Informationsquelle war, in dieser ersten Phase, größtenteils eine DDR Afrikageschichte von 1983, mit entsprechendem Schwerpunkt auf revolutionären- und Unabhängigkeitsbewegungen, der Modernisierung nach sozialistischem Vorbild, der Zugehörigkeit zu den Blöcken des Kalten Krieges und des modernen, industriellen Lebensalltags. Diese Afrikageschichte verweist historisch auf die Zeit der Unabhängigwerdungen und der Utopien afrikanischer Eigenständigkeit und Solidarität, auf die großen Namen wie Kenyatta, Nyerere und Senghor.

Daneben ist der Staatsstreich, der Coup, ein immer wiederkehrendes Phänomen und auch die Verwicklungen der Europäer in Afrikas innere Angelegenheiten (Stichwort: Bodenschätze).

Ein weiteres, für mich wichtiges Buch behandelt "Vergessene Kriege in Afrika", jahrzehntelange Auseinandersetzungen, die mir wie das kontinuierliche Aufblitzen in Landkarten vorkommen. Jahrelange Konfliktparteien können, auf ihre Abkürzungen reduziert, präsent werden. Ein Coup kann mit minimalen grafischen Strichen und Ausstreichungen dargestellt werden. Irgendwann in den Sechziger Jahren ist es vielleicht passiert, niemand interessiert es so recht, und trotzdem ist es grafisch da, ausschnittsweise, ein kleiner Teil dieser postkolonialen Geschichte, in individueller Handschrift.

Der Realitätsanspruch dieser Behauptungen (zeichnerischen Setzungen) relativiert sich schon durch das Handgemachte, Unregelmäßige und Improvisierte. Eine Radionachricht beansprucht, unabhängig von den Fakten, eine ganz andere Autorität.

Fotos und Farben (kolorierte Fotos)

Afrika ist, aus der Distanz gesehen, nicht nur Krieg und Katastrophe, sondern auch intensive Farbe, die einen großen Teil seiner ästhetischen Anziehungskraft ausmacht. Mit den Fotos kann man sich auseinandersetzen, wenn es von hier aus um Afrika geht, man kann sie verändern, kolorieren und in Bewegungen auflösen. Das Kolorieren von Fotos, seien es historische oder aktuelle, stellt einen weiteren Versuch der Annäherung an das so 'Andersartige' dar; man kann sich die Fotos bei dieser Arbeit genau anschauen, Fotos unterschiedlichster Provenienz werden zu einer stilistischen Ebene zusammengezogen. Die anonymen, durch den Schwarz/Weiß Fotokopierer grob gerasterten Fotos, werden durch die Kolorierung zu angenehmen Oberflächen, sie kontrastieren mit den Gewaltszenen, die oft den Bildinhalt ausmachen.

Die Fotos werden im Video ohne Bildunterschriften gezeigt, wenn nicht ausdrücklich Kommentare oder eben diese Bildunterschriften wieder handschriftlich hinein- geschrieben werden. Der Kommentar kommentiert dann nicht nur, er stellt sich als Kommentar in den Vordergrund, greift in das Bild ein (Animation), wird zum Bild und büßt dadurch einen Teil seiner Autorität als Text ein.

Eine Passage, die ich hier besonders erwähnen will, animiert Fotos des Biafra-Kriegs. Die Quelle, ein Fotoband aus Nigeria, ist eindeutig propagandistisch, parteiisch, Pro-Regierung ausgerichtet. Die Plakativität der Darstellung wurde durch die Kolorierung noch gesteigert. Aus den Kommentaren, in nigerian english, sprach eine richtiggehende Kriegsbegeisterung, die noch mehr erschreckt, weil sie manchen grausigen Afrikabildern zu Beginn des Jahrhunderts ähnelt. Die innerafrikanischen Chauvinismen sind ein heikles Thema, das, für meine Begriffe, im Video durch diese Darstellung des Biafra-Kriegs und durch die Konstanz der Diktatoren am deutlichsten wird.

Animation

Animation erlaubt es in Bilder einzugreifen und sie in Bewegung zu bringen.

Die lange Liste der Staaten wirkt, als Ausgangspunkt für das Projekt, seriell, abstrakt, starr und bürokratisch. Sie fordert, wenn man sie als Anlass für einen Trickfilm nimmt, eine Bearbeitung in Durchläufen, in Schichten, in Wiederholung mit Variation. Ein Schema wird als Dauerschlaufe in Bewegung gesetzt und mit jedem neuen Durchlauf in Teilen ergänzt, umstrukturiert und verändert. Zuerst beim zeitaufwendigen Animieren, danach beim Schnitt.

Die angewendeten Mittel erweitern sich in Bezug auf das, was schon da ist, worauf man aufbauen kann und sie verändern sich in Relation zu dem, was neu passiert, in der Animation und in der beobachteten Realität. Das ist kein kontinuierlicher und geradliniger Prozess, sondern ein Prozess in Umsetzungsblöcken. Unterschiedliche Arten der Umsetzung bauen aufeinander auf, greifen ineinander und verändern die Problemstellung. Bei White Africa wurde erst mit Farbe und Pinsel für die Kamera animiert und später mit Schnitt und Vertonung. Diese zwei Prozesse sind unabhängig voneinander und zeitlich getrennt abgelaufen.

Fotoausschnitte mit schwarzen Linoldruckrändern, black frames

Eine weitere Foto-Bearbeitungsmethode ist das Abdecken von Teilen, mittels geometrischer Linoldruckrahmen, bei unterschiedlich großem Schwarzanteil und springender Platzierung des Ausschnitts im Videobild.

Es entstehen hart geschnittene Zoom-Wanderungen von Fotoausschnitt zu Fotoausschnitt. Durch die Dynamik der Rhythmisierung im Film und die homogenisierende Wirkung des Schwarz entsteht eine Art Bildermaschine, die, wie Computerclipboards auf dem Desktop, Fotofragmente aus einem scheinbar endlosen Archiv ausstößt. Ich würde das in diesem Sinne als Simulierung von Digitalität bezeichnen. Diese black frames beinhalten oft die gleichen Fotos, die auch in kolorierter Version auftauchen. Man könnte sie als eine Art Umschaltmechanismus oder Bindeglied bezeichnen.

Landkarten

Landkarten gehören zu den wichtigsten Orientierungsinstrumenten auf unbekanntem Terrain. In White Africa kommen prinzipiell zwei Kartentypen zum Einsatz.

a. Karten aus einem Völkerkundeband von 1947, auf denen, in unterschiedlichen Einzelkarten, Ethnien, Volksstämme und gelegentlich ihre Einflusszonen dargestellt sind. Diese wurden koloriert und in geometrischen Fahrten abgefilmt. Bei normaler Videogeschwindigkeit laufen sie sehr schnell ab, bei starker Verlangsamung kann man doch einiges lesen. Diese Karten wirken wie seltsame Luftaufnahmen von einem schriftlichen Namen- und Völkerwirrwarr, die Staaten fehlen.

b. Karten auf denen Städtenamen mit aus Ländergrenzen abgeleiteten Formen animiert oder zumindest als Standbilder kombiniert werden. Diese Karten stellen weniger Luftaufnahmen dar, als einzelne Namen, die von unbekannten Formen (siehe Zooms) überzogen werden; ein, wenn auch logisch konstruierter, unlogischer Rest in der Karte, ein Verweis auf das Nichtstaatliche, das gerade in Afrika wichtig ist.

Zooms

Die afrikanischen Staaten existieren in ihren heutigen Grenzen erst seit relativ kurzer Zeit. Die Willkür bei der kolonialen Aufteilung und die bildnerische Faszination der Länderformen an sich, als Figuren gesehen, brachten mich dazu, die Ländergrenzen in Zoom-Zeichnungen zu vergrößern, zu verkleinern und für die Kamera ineinanderlaufen zu lassen.

Diese Passagen dienen im Video zur Simulation von Flugreisen, um große Entfernungen zurückzulegen. ... Sie gliedern die einzelnen geografischen Komplexe.

Ein grafisches Verbindungsnetz zur Verfügung zu haben ist ein Aspekt, ein anderer ist die Auflösung der Staatenformen selbst, die Transformation in grafische Zeichen, in bewegte Linienknäuel. „We were staying approximately 3 seconds in every state“, war ein Kommentar, der wegen eines Fehlers gleich zu Anfang rausgeschnitten wurde, sinngemäß aber eine gewisse Berechtigung hätte.

Radioquellen

Nachrichten verändern die Realität und auch das Video.

Die Radioquellen, Nachrichten, Musiken, Hintergrundberichte, O-Töne, Interviews und Reportagen kann man erst einmal zur Kenntnis nehmen, aufnehmen und sie nach kurzen signifikanten Satzteilen, möglichen Bildbezügen durchsuchen und montieren, als wären sie für die Bilder aufgenommen worden. Während der Produktion von White Africa kamen die Ereignisse und Berichte, dermaßen massiv, dass sie die Ausrichtung des Films nachhaltig beeinflusst haben. Das mag ein historischer Zufall sein, aber er hatte seine Auswirkungen auf die Entwicklung des Projekts. Schon im Vorfeld hat der Genozid in Ruanda meine Aufmerksamkeit geschärft. Während der Ausarbeitung kamen dann nicht nur die bekannten, kleinen Nachrichten von Coups. Das ganze Zentrum, der Kongo ist durch den Machtwechsel von Mobutu zu Kabila in einen kriegerischen Strudel geraten, der als historische Zäsur an die Kolonialisierung und Ausbeutung durch die Belgier und später an die Ermordung Lumumbas und Mobutus Machtübernahme anschließt. Direkt danach fand ein sehr gewalttätiger Machtwechsel in Kongo Brazzaville statt. Ein Jahr später muss Kabila seine Kindersoldaten mobilisieren, um sich gegen die ehemaligen Verbündeten zur Wehr zu setzen. Die Liste der schweren Konflikte (Äthiopien-Eritrea) ließe sich fortführen. Die Ereignisse sind inzwischen schon wieder Geschichte. Zu ihrer Zeit mussten sie aber ins Video einfließen, was nicht immer einfach war, ... wenn aktuelle Nachrichten schnell überholt sind und durch Schnitt und Ton wieder in eine, an den Nachrichten gemessen, korrekte Chronologie gebracht werden sollen. Diese chaotischen Entwicklungen in der politischen Situation spiegeln sich im Video; eine schriftliche Setzung z. B., die überholt ist, kann sich durch das Rückwärtslaufen der Buchstaben wieder zurücknehmen./p>

Das Einordnen unterschiedlicher Bild- und Tonquellen auf der Zeitachse

Der Drehplan wurde zuerst als Durchgang der Staatennamen von Z bis A konzipiert (international unterschiedliche Schreibweisen schaffen andere Reihenfolgen, Sambia - Zambia) und später in eine nicht-alphabetische, an geografischen Nachbarschaften orientierte Reihenfolge gebracht.

Ich wollte mich in die Länder und Kulturräume hineindenken, Zusammenhänge finden und mich nicht an einer alphabetischen Liste abarbeiten, die in jeder Sprache zu unterschiedlichen Zusammenstellungen führt. Im Fall von White Africa war bald die kartografische Situation, die vorstellbare Logik einer imaginären, aber möglichen Reise bestimmend. In dieses Schema wurden die Fotos nach Landeszugehörigkeit eingeordnet, dann in sich und in Relation zu den Grafiken geschnitten. Die Geschwindigkeit wurde oft manipuliert; der Trickaspekt eröffnet da seine ganzen Möglichkeiten: eine mikroskopisch-kleinteilige Arbeit, die man mit dem Computer zwar schnell erledigen kann, die aber auch endlose Verschiebungen und Veränderungen mit dem gleichen Material ermöglicht. Mit der zunehmenden Recherche und Aufnahme von Tonquellen wurde die Zeitachse akustisch gefüllt und verdichtet. Schriften, Bilder, Karten, Musik und gesprochene Sprachen (Englisch, Französisch, Deutsch, ein bisschen Arabisch und Fragmente afrikanischer Sprachen) verweisen aufeinander oder ignorieren sich, treffen sich kurz, um wieder asynchron auseinanderzulaufen.

Präsentationen der jeweiligen Schnittfassungen und Reaktionen

a. Galerie Behringer, Gauting und ehem. Postfuhramt, Berlin, Frühjahr 1998

Der 48minütige Rohschnitt wurde zweimal im Rahmen einer White Africa Installation gezeigt. Das erste mal als Videovorführung in der Galerie Behringer: Die meisten Zuschauer gewöhnten sich daran, für sie unverständliche Texte der Musik und dem Rhythmus zuzuschlagen. Das zweite Mal lief das Band als Loop ohne festen Anfangs- und Endpunkt. Die Reaktionen waren interessiert und positiv, was die Mittel angeht aber auch unverbindlich in Bezug auf das filmische Ganze.

c. Lange Nacht der Museen im Berliner Museum für Völkerkunde, 30.1.99

Die 30minütige Version war auf mehreren Monitoren in der Afrikasammlung zu sehen. In der Nachbarschaft mit afrikanischen Skulpturen wirkt das Video ganz anders. Das Publikum wurde mit einer irritierenden Situation konfrontiert: einerseits die Vitrinen und stummen Zeugen afrikanischer Kunst, andererseits schneller Trickfilm, Katastrophe und Mediencollage.

d. Afrikahaus Berlin, Feb. 1999

Zusammen mit Befreien Sie Afrika * von Martin Baer läuft das Video das erste mal vor hauptsächlich afrikanischem Publikum. Der gezeigten Gewalt gegenüber, sind die Reaktionen größtenteils sehr ablehnend. Die Diskussion der Inhalte überwiegt die formelle Auseinandersetzung.

Ein Beispiel soll mögliche Sichtweisen von Afrikanern erläutern: Das Lied "La vie est belle" läuft im Soundtrack zu Bildern von weißen Söldnern im sechziger Jahre Kongo und zu Bildern von Mobutu. Für mich stellt das einen ironischen Kommentar dar, für zwei Afrikaner war die Bedeutung des Liedes eine ganz andere. „No, no, no, das ist nicht Afrika”, das Lied steht für schönes Leben in Afrika, für das eigene Leben, nicht für das von Mobutu und weißen Söldnern.

*Befreien Sie Afrika ist ein kleines Fernsehspiel, das sich anhand von Filmausschnitten mit dem deutschen Militärengagement in und deutschen Medienbildern von Afrika auseinandersetzt.

e. 4. Ethnofilmfestival, Berlin, Juni 1999

White Africa wurde wieder zusammen mit Befreien Sie Afrika gezeigt. Dieser Film beschränkt sich auf die deutsche Sprache und operiert mit Filmzitaten, die hier mehr oder weniger gut bekannt sind. Das erleichtert die Diskussion. White Africa wirkt dagegen etwas untergründiger. Die Ambivalenz von historischen Anspielungen, künstlerischer Machart und neuesten Nachrichten fordert von den Zuschauern viel Hintergrundwissen, um detaillierte Fragen stellen zu können.

Ist White Africa medienkritisch, ein virtuoses Spiel mit austauschbaren Versatzstücken oder ein Schritt in Richtung Hybridisierung unserer Afrika-Wahrnehmung? Im Kontext mit eindeutigeren Filmen können Mißverständnisse oder einfach Interpretationen auftauchen, zu denen dieser Text auch Stellung beziehen will.

Vorherige künstlerische Projekte, die grundlegend für White Africa waren

Kin-topp in Afrika, Video, 7min 20sec, 1993

Das afrikanische Viertel, im Berliner Bezirk Wedding wurde zu deutschen Kolonialzeiten am Ende des letzten Jahrhunderts gegründet. Lüderitz, Nachtigal, die deutschen Entdecker und Kolonisatoren, wie Carl Peters, wurden mit Straßennamen geehrt. Die Ergebnisse der Berliner Afrikakonferenz von 1884 spiegeln sich in der Namensgebung. Für das Video entstanden Linoldrucke und Animationen zu sieben, dort repräsentierten Staaten. Sie wurden mit 16mm s/w Dokumentaraufnahmen (Straßenschilder etc.) aus dem Viertel verknüpft. Ein Text aus den dreißiger Jahren von Hans Seligo (Afrika im Umbau) über den zivilisatorischen Fortschritt Afrikas lässt die Zuschauer ein Stück weit im Unsicheren darüber, ob sie Afrika oder Berlin sehen.

Afrikarten, Linoldruckbilder und Super-8-Filme für eine Ausstellung im Januar 1995

Länder, Super8/16mm Blow up, 3min 20sec, 1997
Ein animierter Kurztrip durch 22 afrikanische Staaten als Landkarten-Linolfilm

Der leicht gekürzte und überarbeitete Text wurde als Abschlussarbeit des Postgraduiertenstudiums am Institut für Kunst im Kontext der HdK Berlin 1999 von Jakob Kirchheim geschrieben.

Nach oben